Marktplatz der Bedürfnisse

Eingriff //2020 // immersive Performance, beim GEGENWARTETN / PRESENCES Kunstfest im öffentlichen Raum gemeinsam mit Performances von Anne Hofmann und Mareike Hornof als Marktplatz der Bedürfnisse

see English version below

Beim Festival GEGENWARTEN / PRESENCES für Kunst im öffentlichen Raum in Chemnitz intervenierten Anne Hofmann, Mareike Hornof und ich gemeinsam mit drei Performances im öffentlichen Raum, um mit Passant*innen über Stadtgestaltung ins Gespräch zu kommen.

Der Wunsch, es sich gemütlich zu machen, es als Recht zu betrachten, dass der Körper sich wohlfühlt, auch an öffentlichen Orten, ist der Ausgangspunkt, diese mitzugestalten. Daraus lässt sich der Anspruch ableiten, den Stadtraum zu verändern und den Bedürfnissen anzupassen. Wem diese Möglichkeit offen steht, kann das auch anderen gönnen – und ist womöglich bereit, sich mit ihnen abzustimmen. Begegnung und Dialog sind Voraussetzungen, um ein Gespür für die Bedürfnisse und Abhängigkeiten anderer Menschen zu entwickeln. Dafür braucht es Räume.

Wir wählten den Moritzhof, einen kahlen, weitläufigen Platz am Rande der Chemnitzer Innenstadt, der aufgrund fehlender Infrastruktur nicht gerade zum Verweilen einlädt, als Ort für unsere Aktion und nahmen (den) Platz.

Ich lud Menschen dazu ein, mir einen persönlichen Wunsch nach Veränderung anzuvertrauen. Im Anschluss nähte ich in einem kleinen chirurgischen Eingriff in ihre Kleidung eine Öffnung ein, um dieser Sehnsucht Raum zu geben. Die Patient*innen waren angehalten, während der Operation an ihren Wunsch zu denken.

An der Fliegenden Fritteuse von Mareike Hornof gab es neben gratis Pommes Schranke und Schatten auch die Möglichkeit, eine neue handwerkliche Fähigkeit zu erlernen: Pommestüten aus Zeitungspapier falten. Während der gemeinsame Befriedigung eines Grundbedürfnisses ergaben sich auf den gemütliche Sitzgelegenheiten ganz nebenbei Gespräche zwischen Unbekannten.

Anne Hofmann nahm die Brüche in der Stadtgeschichte zum Anlass, ihr journalisisches Büro auf den Platz zu verlegen und Geschichten und Meinungen der Chemnitzer*innen zu einem Thema zum Protokoll zu nehmen, dass ihr am Herzen lag: Die Wahl des Karl-Marx-Monuments als Motiv auf der Kreditkarte der Sparkasse Chemnitz duch die Kund*innen im Jahr 2012.

Zu jeder zweiten vollen Stunde trug die Künstlerin auf dem Tisch eine Polemik zum Thema vor, hier ein Ausschnitt:

„Die Marx-Motiv-Kreditkarte löste eine Welle von Artikeln aus, z. B. fragte sich Daniél Kretschmar in der taz: »Wollten die Kunden der Sparkasse ein subversives Statement zur aktuellen Krise des Kapitalismus abgeben? Oder war es wirklich nur folkloristische Heimatverbundenheit, die sie veranlasste, Marx auf Plastik zu bannen? Wir wissen es nicht.«*

Aber was wollen die Sparkassen-Kund*innen wirklich? Ich frage mich und schließe mich ein und an, denn ich bin Kundin förmlich seit meiner Geburt, als meine Oma ein Sparkonto für mich anlegte und meine Mutter mein erstes eigenes Konto errichtete, das ich bis heute nutze. An der spezifischen Geschichte von Chemnitz soll gezeigt werden, mit welchem Begehren Marx 1953 nach Chemnitz zitiert wurde und warum das Karl-Marx-Monument eine Reihe neuer Zitate nach sich zog.“

Zuhörer*innen waren eingeladen, ihre Gedanken und Ergänzungen zum Thema zu Protokoll zu geben und sich an der Diskussion zu beteiligen.

*http://taz.de/Kommunist-auf-Kreditkarten/!95584/

As part of the GEGENWARTEN / PRESENCES festival for art in public space in Chemnitz, Anne Hofmann, Mareike Hornof and I intervened in the city with three performances in order to encourage conversation about possibilities to participate in the urban development.

The desire to make oneself comfortable, to see it as a right that the body feels good, also in public space, is a vantage point for engaging in shaping this space. Having the right and means to do so makes it easy to grant others the same freedom – and to coordinate with them. Dialogue is a precondition to gain an idea of the needs and vulnerabilities of other people. There is a need for venues that enable this kind of exchange.

We chose the Moritzhof, a bare, spacious square at the edge of downtown Chemnitz, for our intervention.

In order to imagine things differently than they are, one first needs to be familiar with one’s longings and desires. I invited people to entrust me with a personal desire for change they were harboring. Afterwards, in a small surgical operation, I sewed an opening into a piece of their own clothing in order to give room to their dream. During the operation the patients were prompted to think about their wishes.

At Mareike Hornof’s flying fryer, one could eat French fries, find a spot of shadow, and learn a new skill: folding bags for French fries out of newspaper. With this island in the middle, the empty surroundings of the square became more visible in contrast. Statically arranged benches on the edge around the square suddenly became attractive seating, because now, there was something to look at. During the common satisfaction of a basic need, casual conversation between strangers easily unfolded.

Anne Hofmann took her workplace as a journalist outdoors to talk about the raptures in the city’s history in regard to a curious incident: In 2012, the customers of a bank were asked to vote for their preferred motif for the credit card of Sparkasse Chemnitz . The majority chose the Karl Marx Monument in Chemnitz.

In four polemic monologues, delivered from the tabletop, the artist gave her opinion on the theme and sparked debate with listeners, here’s an excerpt:

“The Marx-Motiv credit card triggered a wave of articles, e. g. Daniél Kretschmar asked himself in the newspaper taz: “Was it the intention of the bank’s customers to make a subversive statement on the current crisis of capitalism? Or was it really just a folkloric attachment that prompted them to capture Marx on plastic? We do not know.”*

But what do the Sparkasse customers really want? I am asking myself, because I’ve been a customer since I was born, when my grandma opened a savings account for me and my mother opened my first own account, which I still use today. The specific history of Chemnitz may reveal the desire which cited Marx to Chemnitz in 1953 and why the Karl Marx Monument resulted in a series of new quotations.”

Listeners were invited to put their thoughts and additions on the topic on record and to take part in the discussion.

*http://taz.de/Kommunist-auf-Kreditkarten/!95584/

Surgery, Alterations and Tailoring //2020 // Immersive performance / during GEGENWARTEN / Presences festival for art in public space as Marketplace of Needs in collaboration Anne Hofmann und Mareike Hornof