Mutter

2015 // Collagen zum Thema „Mutter“
im Auftrag von Anna Barth

Gespräch mit Anna Barth, Juli 2015

Anna Barth: Du bist noch keine Mutter und ich bin schon eine Mutter; das hat sich wunderbar getroffen, weil es eine Reflexion möglich macht, die ich allein gar nicht mehr leisten kann. Du bist aus deiner Perspektive an die Collagen zu dem Thema herangegangen und hast Fragen gestellt. So konnte ich mich wieder zurückerinnern und erst dann wurde für mich die Veränderung wirklich erfahrbar.

Der Hinweis, dass du dich da mit Sexualität auseinandersetzt, war total wichtig. Er hat einen Gedanken für mich dreidimensional werden lassen, der sehr lange nicht vorhanden war. Ich habe mich zwar immer gefragt, was das Muttersein jetzt mit mir gemacht hat. Ich hätte mir gewünscht, dass jemand mir diese konkrete Frage gestellt hätte: Was hat das mit deiner Sexualität gemacht? So konnte ich sie mir selbst nicht beantworten, aber dadurch, dass du mit dieser Position gekommen bist, konnte ich wiederum Ansätze finden.

Und ich konnte das Muttersein auch wiederum ein bisschen lösen von festen Vorstellungen. Zum Beispiel in Bezug auf das Bild der Brust. Im Hintergrund der Collage mit Mutter und Kind – oder älterer Frau und Mädchen – sind ganz viele unterschiedliche Brüste zu sehen. Die werden in diesem Bild wieder zur Brust, nicht zur Stillbrust, aber auch nicht zum Sexorgan. Alles hat sich wieder ein bisschen beruhigt, einfach in Form eines Bildes der Brust.

Julia Kiehlmann: Die beiden sehen so intim glücklich miteinander aus im Gespräch. Da musste ich auch an den Bechdel-Test für frauenfreundliche Filme denken.

The Bechdel Test, sometimes called the Mo Movie Measure or Bechdel Rule is a simple test which names the following three criteria: (1) it has to have at least two women in it, who (2) talk to each other, about (3) something besides a man. The test was popularized by Alison Bechdels comic Dykes To Watch Out For, in a 1985 strip called The Rule.1

„Mutter“ war jetzt kein Thema, von dem ich dachte, dass mir da so viel kommt. Auf der Suche nach Bildmaterial hat mein Auge mich immer wieder damit überrascht, woran es hängen geblieben ist. So sind die Minimalcollagen – oder Rätsel – entstanden.

AB: […] Ich mag deine Arbeiten und besonders die Collagen so gern, weil ich darin auch immer etwas Abgründiges sehe, etwas Morbides, der Verwesung nah.

JK: Herbstlich – so hat jemand meine Arbeit mal genannt. Ist ja auch Verfall.

AB: Das ist auch Verfall, aber das klingt noch ziemlich neutral, ich würde da schon stärker –

JK: Spätherbst.

AB: Etwas Abgründiges – bis in die Gruft. Und auch aus dieser Perspektive, muss ich im Nachhinein feststellen, finde ich es gut, dass ich dir den Auftrag erteilt habe. Dieser Aspekt ist noch viel zu wenig besprochen, was denn eigentlich für Komplexe und Abartigkeiten im Muttersein stecken. Das sieht man jetzt nicht direkt in den Bildern, aber es gibt Anspielungen, wie Maden im Hintergrund. Das ist halt nicht als Provokation da, sondern tatsächlich als Thema, als Problematik, nicht bloß um zu schocken, sondern als ein Aspekt – als ein Bild der Gefühlswelt. Das finde ich sehr gut.

[…]

1 http://bechdeltest.com/, 9. September 2015